Jahrringe lesen, richtig verleimen
Warum ein Brett schüsselt, was Splint und Kern unterscheidet und nach welchen Regeln wir Lamellen zu einer ruhigen Platte verleimen – mit zwei Zeichnungen zum Ausprobieren.
Bevor ich eine Massivholzplatte verleime, liegen die Bretter oft lange nebeneinander auf der Hobelbank. Ich drehe sie, wende sie, schaue aufs Hirnholz und schiebe sie wieder hin und her. Von aussen sieht das nach Zögern aus. In Wahrheit ist es der wichtigste Arbeitsschritt: Hier entscheidet sich, ob die Platte in zehn Jahren noch ruhig und eben liegt.
Denn Holz arbeitet. Es nimmt Feuchtigkeit aus der Luft auf und gibt sie wieder ab, und dabei verändert es seine Masse – aber nicht in alle Richtungen gleich. Wer die Jahrringe lesen kann, weiss, wohin ein Brett will.
Was die Jahrringe erzählen
Jeder Jahrring besteht aus zwei Teilen. Im Frühling bildet der Baum weites, helles Frühholz, um schnell viel Wasser zu leiten. Im Sommer folgt dichteres, dunkleres Spätholz, das dem Stamm Festigkeit gibt. Die Grenze zwischen dem Spätholz des einen und dem Frühholz des nächsten Jahres ist die Linie, die wir als Jahrring sehen.
Bei der Eiche und der Esche liegen im Frühholz grosse Poren in einer Reihe – man nennt sie ringporig, die Jahrringe sind deutlich gezeichnet. Bei Buche, Ahorn oder Kirschbaum sind die Poren fein und gleichmässig verteilt, das Holz wirkt ruhiger. Bei Fichte und Lärche ist das Spätholz als dunkles, hartes Band gut zu sehen.
Wichtiger noch als das Bild ist die Richtung: Holz schwindet und quillt entlang der Jahrringe (tangential) fast doppelt so stark wie quer dazu (radial) – und in der Längsrichtung der Faser praktisch gar nicht. Aus diesem einen Unterschied folgt fast alles, was beim Verleimen zählt.
Splint, Kern und Mark
Schneidet man einen Stamm quer, sieht man von aussen nach innen:
- Rinde und Bast – die Schutzhülle des Baums.
- Splint – das junge, äussere Holz, das noch Wasser leitet. Es ist meist heller, weicher und weniger dauerhaft. Bei der Eiche umfasst er etwa die letzten zwanzig Jahrringe.
- Kern – das innere Holz. Seine Zellen leiten kein Wasser mehr; der Baum lagert dort Gerbstoffe und Farbstoffe ein. Kernholz ist härter, dauerhafter und oft deutlich dunkler.
- Mark – die feine Röhre in der Mitte, um die der Baum gewachsen ist.
Nicht jeder Baum zeigt diesen Unterschied gleich. Eiche, Nussbaum, Kirschbaum, Ulme und Lärche haben einen farbigen Kern – sie heissen Kernholzbäume. Bei Fichte, Tanne und Buche ist der Kern zwar trockener, aber nicht anders gefärbt (Reifholzbäume). Ahorn, Birke und Erle sind durchgehend hell (Splintholzbäume).
Für Möbel aus Eiche schneiden wir den Splint konsequent weg: Er ist weich, nimmt Öl anders an und ist bei Eiche anfällig für den Splintholzkäfer. Beim Nussbaum kann ein heller Splintstreifen dagegen gewollt sein – etwa an der Baumkante einer Tischplatte, wo der Kontrast den Stamm sichtbar macht. Das Mark trennen wir immer heraus, denn dort reisst das Holz beim Trocknen fast sicher.
Wohin ein Brett will
Wie sich ein Brett verformt, hängt davon ab, wo es im Stamm lag. Ziehen Sie in der Zeichnung die Trocknung von frisch bis möbeltrocken – und vergleichen Sie die vier Bretter:
Wie sich ein Brett beim Trocknen verformt
Vier Bretter aus demselben Eichenstamm. Ziehen Sie die Trocknung von frisch bis möbeltrocken und wählen Sie ein Brett: Je nachdem, wie die Jahrringe darin liegen, schüsselt es, bleibt eben oder wird zur Raute.
Seitenbrett
Jahrringe liegend (Fladern)
Das schöne Fladerbild hat seinen Preis: Das Brett schüsselt. Die linke Seite – zur Rinde hin – wird hohl, weil die äusseren Jahrringe länger sind und stärker schwinden. Dazu schwindet es in der Breite am meisten.
- Splint
- der helle, äussere Ring: junges, wasserführendes Holz – weicher, weniger dauerhaft, bei Eiche anfällig für Insekten
- Kern
- das dunkle Innere: abgestorbene Zellen, mit Gerbstoffen eingelagert – härter, dauerhafter, farbig
- Mark
- die feine Röhre in der Mitte, um die der Baum gewachsen ist – reisst beim Trocknen
Eiche: tangential 0.33 %, radial 0.19 % Schwund je Prozent Holzfeuchte unterhalb der Fasersättigung (rund 30 %). Von frisch bis möbeltrocken (8 %) sind das etwa 7 % entlang der Jahrringe und 4 % quer dazu; in der Längsrichtung praktisch nichts.
Daraus folgt die wichtigste Regel des Schreiners: Die linke Seite wird hohl. Die linke Seite ist die, die zur Rinde zeigte; die rechte Seite – oder Kernseite – zeigte zum Mark. Weil die äusseren Jahrringe länger sind und stärker schwinden, wölbt sich ein Brett beim Trocknen so, als wollten sich die Jahrringe strecken. Am Hirnholz sieht man es sofort: Die Bögen der Jahrringe öffnen sich zur linken Seite.
Ein Brett mit stehenden Jahrringen (Riftbrett) kennt dieses Problem kaum. Es schwindet in der Breite nur halb so viel und bleibt eben. Ein halbstehendes Brett liegt dazwischen. Ein Brett mit liegenden Jahrringen – das klassische Seitenbrett mit dem schönen Fladerbild – schüsselt am stärksten.
Unsere Verleimregeln
Eine Massivholzplatte besteht fast immer aus mehreren verleimten Lamellen. Damit sie ruhig bleibt, halten wir uns an ein paar Regeln:
- Gleiche Holzfeuchte. Alle Lamellen haben dieselbe Feuchte, für Möbel im Wohnraum 8 bis 10 %. Schon zwei Prozent Unterschied genügen, damit sich eine Fuge später abzeichnet.
- Stehende Jahrringe, wo es geht. Für Platten, die eben bleiben müssen, wählen wir Rift- und Halbriftlamellen. Je liegender die Jahrringe, desto schmaler schneiden wir die Lamellen.
- Kernseiten abwechselnd. Bei liegenden Jahrringen legen wir die Lamellen abwechselnd mit der Kernseite nach oben und nach unten. Jede wölbt sich dann ein wenig, aber gegeneinander – die Platte bleibt im Ganzen eben.
- Mark, Risse und Splint heraus. Was sich später bewegt oder anders aussieht, kommt gar nicht erst in die Platte.
- Gleiche Faserrichtung. Alle Lamellen liegen so, dass man die fertige Platte in einer Richtung hobeln kann, ohne dass die Fasern ausreissen.
- Nach Farbe und Bild ordnen. Ähnliche Farbe, ähnlich breite Jahrringe, Übergänge, die das Auge nicht stören – am schönsten, wenn alle Lamellen aus demselben Stamm kommen. Die fertige Reihenfolge markieren wir mit dem Schreinerdreieck über alle Lamellen.
Bei sehr breiten Fladerbrettern machen wir manchmal bewusst eine Ausnahme, wenn das Bild wichtiger ist als die letzte Stabilität – etwa bei einer Tischplatte aus wenigen, breiten Bohlen. Dann muss die Konstruktion die Bewegung aufnehmen. Was die einzelnen Regeln bewirken, sehen Sie hier:
Wie Sie Lamellen richtig verleimen
Wählen Sie Jahrringlage und Anordnung der Lamellen und ändern Sie die Holzfeuchte – etwa trockene Heizungsluft im Winter. Die Zeichnung zeigt, wie sich die Platte verformt.
- Plattenbreite
- 50.0 cm4 Leimfugen
- Breite ändert sich
- −6.6 mmschmaler
- Wölbung
- 0.6 mmhöchster bis tiefster Punkt
Kernseiten abwechselnd: Jede Lamelle wölbt sich ein wenig, aber gegeneinander – die Platte bleibt im Ganzen eben und wird höchstens leicht wellig. So wird Leimholz üblicherweise verleimt.
Richtwerte. Differentielles Schwindmass 0.33 % tangential und 0.19 % radial je Prozent Holzfeuchte. Die Wölbung hängt stark vom einzelnen Brett ab – je näher am Mark geschnitten, desto stärker. Zwischen Sommer und Heizperiode schwankt die Holzfeuchte im Wohnraum um 3–6 %.
Die Leimfläche
Eine gute Leimfuge ist fester als das Holz daneben – wenn die Flächen stimmen. Darauf achten wir:
- Frisch gefügt. Die Kanten werden auf der Abrichte oder mit dem Fügehobel unmittelbar vor dem Verleimen bearbeitet, am selben Tag. Ältere Flächen sind verschmutzt, die Poren verschlossen, der Leim zieht schlechter ein.
- Plan und winklig. Zwei Kanten müssen ohne Druck satt aufeinanderliegen. Zwingen sollen Leim in die Fuge pressen – nicht krumme Kanten geradebiegen.
- Leicht hohl gefügt. Lange Fugen fügen wir in der Mitte einen Hauch hohl, Bruchteile eines Millimeters. Beim Spannen schliessen sich die Enden zuerst und stehen unter leichter Spannung. Das ist gewollt: Die Hirnenden trocknen später am schnellsten und würden sonst als Erste aufgehen.
- Längsholz an Längsholz. Nur so hält eine Leimfuge wirklich. Hirnholz saugt den Leim auf und lässt sich kaum verleimen.
- Richtig viel Leim. Weissleim wird dünn und gleichmässig aufgetragen. Beim Spannen soll eine feine Perlenreihe austreten – dann ist genug in der Fuge. Wer zu stark presst, drückt den Leim heraus, und die Fuge «verhungert».
- Zwingen abwechselnd. Alle 20 bis 30 cm eine Zwinge, abwechselnd von oben und von unten, damit sich die Platte nicht wölbt. Nach 20 bis 30 Minuten kann sie aus der Presse, voll belastbar ist der Leim nach etwa einem Tag.
- Ruhen lassen. Der Leim bringt Wasser in die Fuge, das Holz quillt dort ein wenig auf. Hobeln wir die Platte zu früh, sinkt die Fuge nach dem Trocknen ein – man sieht und spürt dann eine feine Rinne. Darum liegt eine frisch verleimte Platte bei uns mindestens über Nacht, besser einige Tage.
Und dann darf die Platte arbeiten
Auch die beste Platte bewegt sich mit den Jahreszeiten: Eine 90 cm breite Eichenplatte kann zwischen feuchtem Sommer und trockener Heizperiode mehrere Millimeter breiter und schmaler werden. Gute Verleimung hält sie eben – die Konstruktion muss ihr die Bewegung erlauben. Darum schrauben wir Tischplatten nicht starr auf, sondern halten sie mit Nutklötzen oder Gratleisten, die das Holz quer führen und trotzdem gleiten lassen.
Wie lange das Holz bis dahin gewachsen und getrocknet ist, steht in den Beiträgen Wie lange ein Baum für ein Möbel wächst und Gutes Holz braucht Zeit. Und wenn Sie eine Platte im Kopf haben, die so ruhig liegen soll: Erzählen Sie mir davon.